Was passiert gerade im Jemen?

Krieg im Jemen (Symbolbild). Quelle: anasalhajj/Shutterstock.com
Lesezeit: 6 Minuten Der Jemen ist ein Staat im Mittleren Osten. Momentan ist er von der schwersten humanitären Krise weltweit und einem Mehrfrontenkrieg betroffen. In Europa bekommt man dazu kaum etwas mit. Warum ist das so und was passiert im Jemen?
Lesezeit: 6 Minuten

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe in den letzten Tagen und Wochen auf Social Media vermehrt Posts über den Jemen gesehen. Deswegen habe ich mich näher mit der aktuellen Lage dort beschäftigt und möchte diese mit meinem Beitrag mehr ins öffentliche Bewusstsein rücken – denn ich hatte bis jetzt keine Ahnung, was da eigentlich los ist.

Kurzer Überblick über den Jemen

Der Jemen (Republik Jemen/ Jemenitische Republik) ist ein Staat im Mittleren Osten bzw. Vorderasien und liegt im Süden der Arabischen Halbinsel. Der Oman und Saudi-Arabien sind Nachbarländer des Jemen, auf der gegenüberliegenden Seite des Roten Meeres liegen Eritrea, Dschibuti und Somalia. Im Jemen leben rund 30 Millionen Menschen, beinahe die Hälfte davon ist 15 Jahre oder jünger. Die meisten Menschen sind Muslime.

Seit 2015 und vor allem derzeit durchlebt der Jemen die größte humanitäre Krise der Welt – kaum beachtet von den Medien hierzulande. UNICEF teilt mit, dass mehr als 24 Millionen Menschen (rund 80 Prozent der Bevölkerung) humanitäre Hilfe benötigen. Über die Hälfte dieser Menschen sind Kinder.

Bürger- oder Mehrfrontenkrieg im Jemen: Die Entwicklung

Kriege sind immer kompliziert. Es ist niemals nur „Gruppe A gegen Gruppe B“, schon gar nicht, wenn ein Konflikt so lange andauert. Ich kann nicht den Anspruch erheben, den Konflikt im Jemen zur Gänze erklären zu können, aber ich will es möglichst kurz und einfach versuchen.

Mein vollkommen ernstgemeinter Tipp: Wenn du einen komplizierten Sachverhalt verstehen möchtest, schau mal, ob die Redaktion der Logo!-Kindernachrichten etwas dazu gemacht hat. Da sind Informationen kurz und verständlich zusammengefasst.

Wir haben die folgenden Akteure in diesem Konflikt:

  • Der Präsident des Jemen, Abed Rabbo Mansur Hedi, und seine Gefolgschaft. Sie sind Sunniten.
  • Die Huthi-Rebellen. Sie sind Zaiditen, die zu den Schiiten gehören, aber den Sunniten deutlich näherstehen.
  • Saudi-Arabien, wo vor allem Sunniten leben.
  • Iran, wo vor allem Schiiten leben.

Eine grobe Timeline des Konflikts:

  • 2004 wehrten sich Menschen im Nordwesten des Jemen dagegen, von der Regierung diskriminiert und benachteiligt zu werden. Dort leben vor allem Angehörige des Huthi-Stamms. Die Regierung in Sanaa warf dem Stamm daraufhin separatistische Ziele vor und reagierte brutal mit der Ermordung des Stammesoberhaupts Hussain al-Huthi und hunderten Verhaftungen.
  • Zwischen 2004 und 2009 entwickelte die Rebellenmiliz des Huthi-Stamms eine Guerillataktik gegen die Regierung.
  • Zwischen 2011 und 2014 begannen die Huthi-Rebellen ihre Kooperation mit dem Iran. Sie erhielten Berater sowie technische, politische und militärische Unterstützung.
  • 2014 versuchten die Huthi-Rebellen mit Gewalt die Macht im Jemen zu übernehmen.
  • Januar 2015: Der Präsident des Jemen trat zurück und floh, als die Rebellen diverse Städte sowie die Hauptstadt Sanaa einnahmen.
  • 2015 griff Saudi-Arabien in den Konflikt ein, v.a. weil die Huthis vom Iran unterstützt werden. Die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Bahrain und Katar unterstützen die Angriffe.

Bildquelle: Bundeszentrale für politische Bildung, Lizenz cc by-nc-nd/3.0/de/ (mr-kartographie)

Krieg im Jemen: In Wahrheit ein Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien?

Nur die religiöse Komponente als Auslöser für den Konflikt zu betrachten ist aber zu kurz gedacht. Präsident Hadi war wegen Korruption zuvor im Jemen nicht besonders beliebt gewesen. Tatsächlich schienen viele Menschen im Jemen neugierig bis optimistisch zu sein, als die Huthis an die Macht strebten. Das hat sich mittlerweile geändert, ihre Herrschaft wird immer autoritärer und diktatorischer.

Saudi-Arabien hingegen will offiziell die jemenitische Regierung unterstützen, inoffiziell führt Saudi-Arabien einen diffusen Krieg gegen den Iran auf dem Boden des Jemen.

Ein Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran: Das Eingreifen der Saudis in den Konflikt ist vor allem mit der Unterstützung der Huthis durch den Iran zu begründen. Man wollte verhindern, dass an der Südflanke des Königreichs ein weiteres Land unter den Einfluss des regionalen Erzrivalen gerät. Das sunnitisch-wahhabitisch geprägte Saudi-Arabien, dessen Militär weitaus schwächer ist als das des Iran, fühlt sich zunehmend von pro-iranischen und schiitischen Gruppierungen umzingelt, so u.a. in Syrien, dem Irak, Bahrain und dem Libanon.

Dr. Marie-Christine Heinze für Welthungerhilfe: Bürgerkrieg im Jemen

Die Huthis waren zunächst eine lokale Gruppe, der Konflikt war ein innerjemenitischer, doch die Intervention von Saudi-Arabien und seiner Koalition drängt die Huthis immer weiter in die Arme von Iran, Libanon und Syrien. Inwieweit die Huthis jedoch tatsächlich ein „verlängerter Arm Teherans“ sind, ist umstritten.

Mittlerweile wird der Krieg von beiden Seiten „zu einer schicksalhaften religiösen Auseinandersetzung zwischen Schiiten und Sunniten aufgeblasen“ (Jürgen Stryjak, Deutschlandfunk). Und das Kriegsgebiet liegt längst nicht mehr nur innerhalb der jemenitischen Grenzen. Die Huthis bombardieren Saudi-Arabien. Woher die Waffen stammen, ist nicht immer ganz klar. Möglicherweise aus dem Iran, doch aufgrund der von Saudi-Arabien eingerichteten Seeblockade und Luftangriffen scheint es unrealistisch, dass die Huthis (regelmäßig) Waffenlieferungen aus dem Iran erhalten.

Welche Rollen haben Europa und die Vereinten Nationen?

Die Allianz rund um Saudi-Arabien wird logistisch unterstützt von den USA, Frankreich und Großbritannien. Deutschland hat sich ebenfalls auf Seiten der Regierung von Präsident Hadi positioniert und lieferte Waffen nach Saudi-Arabien – bis zur Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi [KK3] im Oktober 2018 durch die Saudis. Doch bis heute liefert Deutschland Waffen im Wert von mehr als 1 Milliarde Euro an Länder, die am Jemen-Krieg beteiligt sind: Ägypten, Vereinigte Arabische Emirate, Bahrain, Jordanien, Kuwait. Deutschland kann deswegen eine Mitschuld an der aussichtslosen Situation im Jemen zugerechnet werden.

Die Vereinten Nationen hatten Ende 2018 eine Vereinbarung zur Waffenruhe ausgehandelt, die von den Konfliktparteien unterzeichnet wurde. Diese Waffenruhe ist bis heute nicht (konsequent) eingetreten, weswegen Hilfslieferungen nicht oder nur sehr beschränkt stattfinden können. Mittlerweile sind am Krieg auch Dschihadisten des Islamischen Staats (IS) und der al-Qaida im Jemen (AQAP) involviert, die ganz eigene Interessen verfolgen.

Lösung in Sicht? Leider nein

Der Krieg im Jemen scheint in einer Sackgasse zu stecken. Dafür gibt es verschiedene Gründe:

  • Die Eliten im Krisengebiet profitieren finanziell vom Krieg – traurig, aber wahr.
  • Präsident Hadi befürchtet, dass er sein Amt (endgültig) verliert, wenn er sich auf Verhandlungen einlässt.
  • Die Huthis sehen sich als Sieger und sind nicht zu Kompromissen bereit.
  • Akteure wie der IS und AQAP werden sich nicht an einen Friedensschluss halten.

Die UNO bemüht sich seit geraumer Zeit um eine Befriedung des Konflikts und versucht, verschiedene Akteure einzubeziehen. Doch bis es soweit ist, wird dieser Krieg weiterhin auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen.

Die humanitäre Krise im Jemen: So geht es den Menschen

Wie gesagt: Krieg ist immer kompliziert. Und immer leidet die Zivilbevölkerung darunter.

In Europa haben wir die Krise kaum auf dem Schirm. Das hat verschiedene Gründe.

Wer die Zahlen hört, mit denen die Hilfsorganisationen Alarm schlagen, erfährt nur die halbe Tragödie. Sie ist jenseits aller Vorstellungskraft. Diese Tragödie ist vor allem lautlos. Niemand wird von Flüchtlingsströmen aus dem Jemen aufgeschreckt, das Land ist abgeschottet, sei es aus geografischen oder politischen Gründen. So ist das Leid in dem bettelarmen Land kaum ein Thema in Europa.

Jürgen Stryjak für Deutschlandunk: Jemen – Der vergessene Krieg

Auch im Jemen breitet sich das Corona-Virus rasch aus – ein Notfall im Notfall. Die Menschen haben kaum oder keinen Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen. Nur ein Bruchteil der Gesundheitseinrichtungen ist noch funktionsfähig und die, die es sind, verfügen über eine mangelnde Grundausrüstung. Das wurde bereits deutlich, als zwischen 2017 und 2019 die Cholera im Land grassierte. Masken und Handschuhe sind Mangelware, ganz zu schweigen von Möglichkeiten zur Beatmung oder Medikamenten. Viele Beschäftigte im Gesundheitswesen bekommen kein Gehalt oder sonstige Vergütungen.

„Das Gesundheitssystem kann nicht mehr kollabieren, als es bereits kollabiert ist. Die Menschen werden einfach sterben.“

Mareike Transfeld/ZDF: Bürgerkrieg und jetzt Corona – Jemen: Die Krise in der Krise

10 Millionen Kinder haben keinen Zugang zur medizinischen Grundversorgung, beinahe genauso viele Kinder gehen dort aktuell nicht zur Schule, wegen des Kriegs und der Pandemie. Es wird befürchtet, dass in den nächsten 6 Monaten zehntausende weitere Kinder einer schwerwiegenden, lebensbedrohlichen Unterernährung zum Opfer fallen. Bereits jetzt bräuchten rund 2 Millionen Kinder im Jemen Hilfe wegen Unterernährung. Es gibt Blockaden an Land, zu See und in der Luft – was fatal ist, da der Jemen stark abhängig ist von Lebensmittel-Importen.

Auch der psychische Zustand der Menschen im Jemen ist katastrophal: Unzählige benötigen psychosoziale Unterstützung, schätzungsweise ist jedes zweite Kind im Jemen depressiv, jedes fünfte leidet unter ständiger Angst.

Darüber hinaus ist auch der Schutz der Zivilbevölkerung in Gefahr. Mindestens 17.700 Zivilisten wurden seit 2015 getötet oder verletzt. Darüber hinaus ist in vier Jahren Krieg die Wirtschaft des Landes zusammengebrochen, es gibt kaum noch Arbeit und noch weniger Geld. Viele Menschen stehen vor der Wahl: Kaufe ich Lebensmittel oder Medikamente? Trinke ich verseuchtes Wasser oder leide ich Durst? Bezahle ich den Transport ins Krankenhaus für mein krankes Kind oder kaufe ich Brot für meine anderen Kinder? Es sind unmenschliche Entscheidungen, die niemand treffen müssen sollte.

Wie können wir helfen?

Petition gegen Waffenexporte:

Wir können also nur versuchen, die humanitäre Krise im Jemen abzufedern und die Zivilbevölkerung mit Spenden zu unterstützen. Falls du daran Interesse hast, hier sind mögliche Spendenziele und -möglichkeiten:

YouTube-Videos, die du streamen kannst – die Erlöse aus Werbung werden gespendet:

Weitere Spendenziele:

Quellen und weitere Informationen