„Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ von Alice Hasters

Lesezeit: 5 Minuten Warum ist es eigentlich so schwer, über Rassismus zu sprechen? Alice Hasters erklärt es in ihrem Sachbuch eindringlich und geduldig. Dabei wird klar: Rassismus ist nicht nur ein Problem am rechten Rand der Gesellschaft. Und sich mit dem eigenen Rassismus zu konfrontieren, ist im ersten Moment schmerzhaft, aber der einzige Weg, ihn zu überwinden.
Lesezeit: 5 Minuten

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Ich möchte auf diesem Blog auch immer mal wieder Medien (vor allem Bücher und Filme) vorstellen, die ich gut fand und euch empfehlen möchte. Den Anfang macht das Sachbuch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ von Alice Hasters.


Die Fakten:

  • Autorin: Alice Hasters
  • Titel: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten
  • Erscheinungsjahr: 2019
  • Verlag: hanserblau
  • Seiten: 208
  • ISBN Paperback: 978-3-446-26425-0

Klappentext:

Warum ist es eigentlich so schwer, über Rassismus zu sprechen?

„Darf ich mal deine Haare anfassen?“, „Kannst du Sonnenbrand bekommen?“, „Wo kommst du her?“ Wer solche Fragen stellt, meint es meist nicht böse. Aber dennoch: Sie sind rassistisch. Warum, das wollen weiße Menschen oft nicht hören.

Alice Hasters erklärt es trotzdem. Eindringlich und geduldig beschreibt sie, wie Rassismus ihren Alltag als Schwarze Frau in Deutschland prägt. Dabei wird klar: Rassismus ist nicht nur ein Problem am rechten Rand der Gesellschaft. Und sich mit dem eigenen Rassismus zu konfrontieren, ist im ersten Moment schmerzhaft, aber der einzige Weg, ihn zu überwinden.


Ich empfehle dieses Buch, weil…

… ich beim Lesen sehr viel über Rassismus gelernt habe. Wie der Klappentext schon sagt, ist Rassismus nicht nur am rechten Rand der Gesellschaft ein Problem. Jemand wird nicht erst zum/r Rassist:in, weil er oder sie Mitglied der NPD ist.

Jede:r von uns wurde von der Familie, der Gesellschaft, der Schule geprägt und hat somit rassistische Stereotype gelernt. Die meisten werden das abstreiten und empört rufen Ich bin doch kein Rassist“. Aber die traurige Wahrheit ist: Mancher ist es doch. Und sehr, sehr viele (wenn nicht alle) von uns handeln oder denken manchmal rassistisch. Das wusste ich bereits, bevor ich das Buch gelesen habe. Doch warum das so ist, wie man damit umgehen kann und vor allem, wie sich das für eine betroffene Frau anfühlt, das hat mir dieses Buch sehr gut vermittelt.

„[Rassismus] ist schon so lang und so massiv in unserer Geschichte, unserer Kultur und unserer Sprache verankert, hat unsere Weltsicht so sehr geprägt, dass wir gar nicht anders können, als in unserer heutigen Welt rassistische Denkmuster zu entwickeln.“

Seite 16, Alice Hasters: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen…“

Die Autorin, das ist Alice Hasters. Sie wurde 1989 in Köln geboren und studierte Journalismus. Heute arbeitet sie unter anderem für die Tagesschau und den RBB. Außerdem betreibt sie den Podcast „Feuer&Brot“.

Ihr Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ ist unterteilt in die Kapitel Alltag, Schule, Körper, Liebe und Familie. Jedes dieser Kapitel ist noch einmal in mehrere Unterkapitel unterteilt, sodass sich die Autorin immer recht spezifisch einem Themenkomplex und dazugehörigen Erfahrungen widmet.

So beschreibt sie, wie es sich für sie als Kind anfühlte, aufgrund ihrer Hautfarbe ständig gefragt zu werden, wo sie denn herkomme oder welche Hautfarbe ihrer Eltern haben. Na, wer von den weißen Leser:innen hat schon mal jemanden nach der Herkunft gefragt oder zumindest darüber nachgedacht, weil die Person nicht weiß war (also zum Beispiel schwarz war, arabisch oder asiatisch aussah)? Dass allein ist rassistisch, weil es den Gedanken enthält, dass jemand, der nicht weiß ist, nicht Deutsch sein kann.

„Rechte Menschen beschweren sich darüber, dass man auf der Straße »keine Deutschen« mehr sehen würde. Sie meinen damit weiße Menschen.“

Seite 43, Alice Hasters: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen…“

Alice Hasters betont etwas sehr Wichtiges: Eine Diskussion über Rassismus lohnt sich nicht, wenn Menschen nur das Ziel haben, ihren eigenen Hintern vor Vorwürfen zu retten (S. 20). Nein, das Ziel muss sein, sich selbst zu hinterfragen, eigenes Denken und Verhalten zu reflektieren und zu verstehen, wo solche Muster herkommen, um sie anschließend zu vermeiden.

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Die Autorin vergleicht außerdem ihre Erfahrungen in Deutschland, wo sie geboren und aufgewachsen ist, und in den USA. Als Teenager verbrachte sie ein Jahr in Philadelphia bei Verwandten. Die Wahrnehmung bezüglich ihrer Hautfarbe, aber auch ihrer Herkunft, ihrer Sprache, ihres Körpers, war dort eine andere als hierzulande. Diesen Vergleich fand ich sehr spannend zu lesen, weil das auch Erfahrungen sind, die ich als weiße Person so nie machen werden.

„Weiße Menschen sind kein Neutrum, sondern haben eine ganz bestimmte Perspektive auf die Welt.“

Seite 30, Alice Hasters: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen…“

Alice Hasters geht auch auf die Frage ein, ob und wie weiße Menschen Rassismus zu spüren kriegen können. Auch das fand ich sehr aufschlussreich. Denn obwohl die Autorin immer wieder von ihren persönlichen Erfahrungen berichtet, verliert sie nie den Bezug zum System, das hinter Rassismus steckt und schafft es somit, die reale Lebenswelt mit der Theorie zu verknüpfen. So wird der ganze Text greifbar und klärt nicht nur sachlich auf, sondern funktioniert auch auf emotionaler Ebene.

„Rassismus ist ein System, das mit der Absicht entstanden ist, eine bestimmte Weltordnung herzustellen.“

Seite 15, Alice Hasters: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen…“

Was ich aber am wertvollsten fand, waren all die Hintergründe zu geschichtlichen Abläufen, zu Kolonialisierung und Rassentheorien und deren Folgen, die bis heute spürbar sind. Wusstet ihr zum Beispiel, dass es heutzutage mehr Sklav:innen gibt als zu Zeiten, als Menschenhandel noch modern war? Im Geschichtsunterricht in Deutschland geht es sehr oft und sehr lang um den 2. Weltkrieg. Doch die Kolonialisierung, die direkt zu diesen Entwicklungen beigetragen hat, wird kaum thematisiert. Alice Hasters schreibt in ihrem Buch sinngemäß „Hitler hat den Rassismus nicht erfunden“, und obwohl das natürlich so simpel und offensichtlich ist, habe ich darüber nie nachgedacht. Was war eigentlich vor Hitler? Wie sind Weiße davor mit nicht-weißen Menschen umgegangen? Gab es denn damals überhaupt schon Schwarze in Deutschland? All diese Fragen beantwortet die Autorin in ihrem Buch.

Das sind Dinge, die ich in der Schule nicht oder nicht in dieser Form und diesem Ausmaß gelernt habe. Dinge, die ich nie hinterfragt habe, und die mich deswegen nun umso mehr schockiert haben. Aber ich bin sehr dankbar für diese Aufklärung und dafür, dass so manches, was ich in Geschichte, Englisch und Philosophie gelernt habe, nun in ein anderes Licht gerückt wurde.

Es geht aber auch um Dinge wie Schönheitsideale, um Muskeln, Haare, Haut und Make-Up. Es geht um Begriffe und ihre Unterscheidungen, um Klischees und Vorurteile. Es geht um Repräsentation und Vorbilder, um Bildung und Karriere. Es geht aber auch um Freundschaften, Liebe und Familie. Somit wirft das Buch einen sehr guten Blick auf das Leben einer schwarzen Frau in Deutschland.

„Es ist kein schönes Gefühl, als Abweichung der Norm definiert zu werden.“

Seite 133, Alice Hasters: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen…“

Was den Titel des Buches angeht: Natürlich ist dieser Text für weiße Menschen an manchen Stellen unangenehm. Ja, ab und zu verfällt man auch beim Lesen in diesen Reflex, dass man ausrufen möchte „Aber ich doch nicht!“ Doch der Autorin gelingt es sehr gut, ihre Erfahrungen zu schildern, Alltagsrassismus offenzulegen und Geschichte zu erklären. Gewissermaßen ist ein erhobener Zeigefinger dabei, aber beim Lesen wird schnell klar: Der ist angemessen.

„Der globale Norden ist reich, weil er den globalen Süden ausbeutet. Wir sollten deswegen ruhig ein schlechtes Gewissen habe.“

Seite 170, Alice Hasters: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen…“

So stellt Alice Hasters direkt am Anfang ihres Buches fest: Wer wirklich etwas gegen Diskriminierung tun möchte, sollte bei sich selbst anfangen. Das sehe ich genauso. Und ein erster Schritt wäre, dieses Buch zu lesen, denn, um mit einem weiteren Zitat zu schließen:

„Die Wahrheit ist, dass ein offenes Herz, ein guter Wille und Enthusiasmus allein die Welt nicht retten.“

Seite 174, Alice Hasters: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen…“

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