Verschwörungstheorien: Warum sie so beliebt und so gefährlich sind

Lesezeit: 12 Minuten UFOs in der Area 51, Chemtrails, Elvis lebt: Verschwörungstheorien gibt es schon seit der Antike – wenn nicht sogar länger. Doch warum sind sie gerade zu Krisenzeiten so präsent? Und was macht sie so gefährlich? Der Beitrag beleuchtet die Ursprünge von Verschwörungstheorien, ihre Mechanismen, die in rechtsextremen Milieus tief verwurzelt sind, sowie ihre gewaltvollen Auswirkungen.
Lesezeit: 12 Minuten

Verschwörungstheorien gibt es schon seit der Antike – wenn nicht sogar länger. Und vermutlich hat jede:r schon mal von einer Theorie gehört oder sogar zeitweise an eine geglaubt. Bekannte Beispiele für Verschwörungstheorien:

  • In Roswell (New Mexico) ist ein UFO abgestürzt.
  • Kondensstreifen am Himmel sind in Wahrheit „Chemtrails“, die mittels Chemikalien Einfluss auf die Bevölkerung nehmen.
  • Die Mondlandung war nur vorgetäuscht und inszeniert.
  • Die Terroranschläge vom 11. September 2001 waren von der US-Regierung geplant.
  • Reptiloide (Echsenmenschen) haben die Erde unterwandert und regieren uns im Geheimen.
  • Elvis lebt.
  • Paul McCartney ist tot.
  • Avril Lavigne auch. (Beide wurden durch Doppelgänger ausgetauscht)

Gerade beim Tod von bekannten Persönlichkeiten gibt es häufig Verschwörungstheorien. So soll der Tod von Lady Diana im Auftrag des britischen Geheimdienstes herbeigeführt worden sein und das Attentat auf John F. Kennedy war in Wahrheit Produkt einer Verschwörung, die je nach Gusto von der Mafia, CIA oder Fidel Castro angezettelt wurde.

Die ein oder andere Verschwörungstheorie mag zur Belustigung dienen, bleibt bei Spekulation und einem „Was wäre, wenn?“.

Doch nicht wenige Verschwörungstheorien fußen auf gefährlichen Annahmen und nehmen ebenso bedenkliche Ausmaße an. Beispielsweise der Mythos, die globale Erderwärmung sei nicht real oder nicht menschengemacht, „das Judentum“ wolle die Weltherrschaft an sich reißen oder dass es in Deutschland/Europa einen „Großen Austausch“ der Bevölkerung geben soll, bei dem die weiße Mehrheitsbevölkerung gegen nicht-weiße bzw. muslimische Einwanderer ersetzt werden soll.

Aktuell liegen Verschwörungstheorien rund um Corona voll im Trend. Also beispielsweise, dass Bill Gates die Regierungen gekauft hat, um eine Impfpflicht einzuführen und uns somit alle mit Mikrochips auszustatten. Oder dass mit den Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus‘ in Wahrheit die Grundlage für eine Diktatur geschaffen wird. Dass das Virus in einem chinesischen Labor gezüchtet und willentlich in Umlauf gebracht wurde. Dass es das Virus gar nicht gibt. Die Liste ist schon erschreckend lang, dafür, dass wir das Virus erst seit rund 5 Monaten kennen.

Was sind eigentlich Verschwörungstheorien?

Von einer Verschwörungstheorie spricht man, wenn ein bestimmter Zustand oder ein Ereignis durch eine Verschwörung erklärt werden soll. Das heißt, eine kleine Gruppe agiert angeblich im Verborgenen, um sich gegen andere oder gar die ganze Welt zu wenden und dieser zu schaden. Eine klare Definition zum Begriff gibt es aber nicht.

Populär wurden Verschwörungstheorien vor allem zur Zeit der Französischen Revolution. Seit 1798 verbreitete sich die Theorie, die Illuminaten seien für zahlreiche Übel in der Welt verantwortlich. Ähnliches wurde Ende des 19. Jahrhunderts über Juden behauptet. Diese Verschwörungstheorien mündeten schlussendlich im Holocaust, bei dem schätzungsweise 6 Millionen Juden ermordet wurden. Bis heute haben viele Verschwörungstheorien ihren Kern bzw. ihren Ursprung in judenfeindlichen Ressentiments.

Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl charakterisiert Verschwörungstheorien so: „[…] es werden sehr viele Fakten präsentiert. Wir reden hier nicht von postfaktisch, sondern kontrafaktisch. Aber es sind viele Fakten, so arrangiert das rauskommt was rauskommen soll. Ohne diese Idee von „faktisch“ […] wären diese Verschwörungstheorien nicht erfolgreich.“

Warum sind Verschwörungstheorien aktuell so beliebt?

Katharina Nocun und Pia Lamberty veröffentlichen demnächst ein Buch mit dem Titel „Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“. Bereits vorab haben sie einige Fakten bei bento und in einem eigenen Twitter-Thread geteilt. Auch die Rechtsextremismus-Forscherin Natascha Strobl schreibt regelmäßig zu diesem Thema. Ebenso hat sich Autorin Sophie Passmann zu dem Thema geäußert. Ich möchte euch einige Erkenntnisse hier zusammenfassen, die hoffentlich einen guten Überblick über die Lage verschaffen.

Nocun und Lamberty verweisen auf Studien, die gezeigt haben, dass jemand, der glaubt, wenig Kontrolle über eine Situation zu haben, eher für Verschwörungstheorien empfänglich ist. Gleichzeitig neigen viele Menschen dazu, hinter großen Ereignissen eine „große Ursache“ zu vermuten. Deswegen sind Verschwörungstheorien zum Tod von Prominenten auch so populär, oder eben zu krassen Ereignissen wie der Mondlandung und den Terroranschlägen vom 11. September. Solch große Ereignisse oder die daraus resultierenden Veränderungen, denkt man, können kein Zufall sein.

Der Tagesspiegel erklärt außerdem, dass vor allem Menschen, die sich vom Sozialleben ausgeschlossen fühlen, verzweifelt einen Sinn im Leben finden wollen. Und diese Sinnsuche verstärkt den Glauben an Verschwörungstheorien.

Viele Verschwörungstheorien zeichnen ein negatives Bild (Großer Austausch, Weltverschwörung, geheime Chips etc.), und dennoch vermitteln sie ein Gefühl von Kontrolle: Man weiß vermeintlich, wer hinter diesem ganzen Übel steckt. Nämlich diejenigen, die sich verschworen haben, um der Welt zu schaden. Verschwörungstheorien können also vermeintlich dazu dienen, eine komplexe und chaotische Welt zu bewältigen. Sie liefern einfache und schnelle Antworten.

Dazu kommt außerdem, dass eine Verschwörungstheorie ein gewisses Gefühl der Erhabenheit verleiht. Nämlich dann, wen man glaubt, man habe als einzige:r die Wahrheit erkannt oder man hätte als einzige:r alle Fäden logisch zusammengeführt und jetzt das wahre Bild der Welt vor Augen. Menschen fühlen sich gerne als etwas Besonderes. Verschwörungstheorien können das liefern.

Besonders pikant: Wer an eine Verschwörungstheorie glaubt, glaubt meist auch an andere. Sogar dann, wenn sich die einzelnen Theorien gegenseitig widersprechen.

Warum verbreiten gerade so viele Promis und Influencer Verschwörungstheorien?

Attila Hildmann, Xavier Naidoo, Detlef D! Soost, Til Schweiger, Elon Musk – sie alle haben in den letzten Tagen Verschwörungstheorien oder Elemente davon geteilt. Ob es tatsächlich proportional mehr Prominente und Influencer unter den Verschwörungstheoretikern gibt, lässt sich nicht sagen – wahrscheinlich nicht. Allerdings haben diese Menschen mehr Reichweite als die meisten anderen Menschen, deswegen wirken sie präsenter und lauter.

Und: Promis und Influencer umgeben sich natürlich auch mit ihresgleichen, so wie wir uns auch oft mit Arbeitskollegen umgeben oder mit Menschen, die das gleiche Hobby haben etc. Wenn einer in der „Clique“ erst mal anfängt mit diesen Theorien, dann lassen sich andere davon eher anstecken. Schließlich ist das nicht irgendwer, der da was von Mikrochips erzählt, sondern jemand, den man kennt und dem man bisher vertraut hat…

Dazu stellt Marc Röhlig auf bento eine weitere These auf: „Entsprechend könne es gut sein, dass einige Promis, die es in normalen Zeiten gewohnt sind, immer Aufmerksamkeit zu bekommen, nun über das Verbreiten von Absurditäten neue Zielgruppen suchen.“

Wie verbreiten sich Verschwörungstheorien überhaupt, wenn sie gar nicht wahr sind?

Verschwörungstheorien sind vor allem in Zeiten beliebt, in denen viele Menschen einen Kontrollverlust erleben – wie eben während einer Pandemie, aber auch nach Terroranschlägen. Wie bereits erklärt, sind viele Menschen dann bereit, die einfachen und schnellen Antworten zu akzeptieren, die Verschwörungstheorien bieten. Und weil man sich dann besonders fühlt, weil man die Wahrheit erkannt hat, teilt man diese Theorien natürlich gerne.

Das Internet spielt selbstverständlich eine große Rolle, wenn es um Verschwörungstheorien geht. Es gibt unzählige YouTube-Videos, Blogs und vermeintliche „Nachrichtenportale“, die regelmäßig Verschwörungstheorien teilen – es ist unmöglich, alle aufzuzählen. Eine Person, die regelmäßig Verschwörungstheorien verbreitet, ist der ehemalige Radiomoderator Ken Jebsen. Auch zu Corona sind Videos von ihm im Umlauf, die damit beginnen, dass er ein erfahrener und angesehener Journalist sei. Wie Sophie Passmann in ihrem Video bereits richtigstellte, wurde Ken Jebsen vom rbb bereits 2011 entlassen, nachdem Antisemitismus-Vorwürfe gegen ihn laut wurden und zahlreiche seiner Beiträge nicht den journalistischen Standards entsprachen. Auch heute teilt er auf seinen Portalen noch immer Theorien, die im Kern zutiefst antisemitisch (also judenfeindlich) sind.

Darüber hinaus verbreiten sich Verschwörungstheorien auch über Social Media und Messenger, vor allem Telegram. Laut bento haben manche der entsprechenden Kanäle dort bis zu 80.000 Abonennt:innen.

International ist auch das anonyme Imageboard 4chan bzw. die noch extremere Nachahmung 8chan Knotenpunkt zur Verbreitung von Verschwörungstheorien. 4chan ist schon länger dafür bekannt, dass dort Subkulturen gut gedeihen, die durch Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit oder Frauenhass auffallen.

Warum sind Verschwörungstheorien so gefährlich?

Pia Lamberty ist nicht nur Autorin, sondern auch Sozialpsychologin. Eine ihrer Studien in den USA hat gezeigt, dass Menschen, die glauben, das Coronavirus sei im Labor entstanden, auch eher bereit sind, sich Waffen anzuschaffen. Anhänger von Verschwörungstheorien finden auch Brandanschläge als Mittel zum Zweck häufiger legitim. Verschwörungstheorien werden so vermeintlich zum Mittel, um politische Meinung auszudrücken.

Und während manche vielleicht dabei bleiben, vor ihrem PC zu zweifeln und auf Politiker:innen zu schimpfen, setzen andere ihre Überlegungen in die Tat um.

Im US-Wahlkampf 2016 erlangte die „Pizzagate“-Verschwörungstheorie Bekanntheit. Die besagt, dass ein Kinderpornoring, in den Hillary Clinton verstrickt sei, aus einer beliebten Pizzeria in Washington D.C. heraus agiere. Im Dezember 2016 drang ein bewaffneter Mann in die Pizzeria ein, um die vermeintlichen Kinder zu befreien. Er feuerte zwei Schüsse ab, verletzt wurde zum Glück niemand. (Xavier Naidoo nahm 2017 im Song „Marionetten“ konkret Bezug auf Pizzagate und fand daraufhin viel Zuspruch von Rechten und Reichsbürgern.)

Ein anderer Fall ereignete sich im Zusammenhang mit der sogenannten QAnon-Verschwörung:

Einer der vielleicht absurdesten Fälle ereignete sich im März 2019, als Anthony Comello ein Mitglied einer bekannten italoamerikanischen Mafiafamilie erschoss. Nicht etwa, weil er in einen Mafiakrieg involviert war, sondern weil er glaubte, sein Opfer, Frank Cali, sei ein Deep-State-Agent und Präsident Trump höchstpersönlich hätte ihm die Erlaubnis erteilt, ihn zu verhaften.

Patricia Zhubi und Alexander Reid Ross, Zeit Online: Knotenpunkte des Irrsinns – Rechtsradikale Onlinenetzwerke

Aber auch in Deutschland folgten auf Verschwörungsideologien schon Taten. Die Attentäter von Halle (2 Tote) und Hanau (10 Tote) waren ebenfalls Anhänger von Verschwörungstheorien. Tagelang wurde in den Medien darüber berichtet, wie absurd das Manifest des Täters von Halle sei und dass er offensichtlich „psychisch krank“ oder „verwirrt“ sei, weswegen diese Tat nicht rassistisch oder rechtsextrem sein könne. Das, worüber der Täter fantasierte, sei kein Rassismus, sondern haltlose Verschwörungstheorie.

Abgesehen davon, dass das nicht stimmt (denn der Täter hat in seinem Manifest konkrete Vernichtungsfantasien benannt): Bei dieser Argumentation wird regelmäßig übersehen, dass Verschwörungstheorien in rechten Kreisen System haben. Verschwörungstheorien entstehen nicht in einem luftleeren Raum. Viele dieser Theorien haben einen judenfeindlichen Kern. Viele richten sich konkret gegen Staaten und/oder Regierungen, gegen vermeintliche Eliten, gegen Frauen oder gegen technologischen Fortschritt. Das alles ist Gedankengut, dass rechte Ideologien befeuert und Menschen geradezu in diese Netzwerke treibt.

Pia Lamberty macht gegenüber bento klar, dass Verschwörungstheoretiker die Welt in Gut und Böse einteilen und somit auch entsprechend klare Feindbilder haben. Natascha Strobl stellt dazu auf Twitter fest: „Die Bösen sind böse, weil sie böse sind. Die Guten müssen allen Widerständen zum Trotz gewinnen.“

Für Rechtsextreme ist der Staat dieses Feindbild. Sie fiebern schon länger auf den „Tag X“ hin, an dem sich der rechte Rand gegen [den Staat] erheben und kämpfen soll. Durchverschwörte wie Xavier Naidoo und Attila Hildmann steigen auf die Rhetorik ein: Auf Telegram behauptet der Veganer, mit dem Sänger telefoniert zu haben – man sei bereit, „für die Sache Kopfschüsse zu kassieren“.

Marc Röhling, bento.de: Influencerinnen und C-Promis zündeln mit Corona-Verschwörungsmythen – was ist da los?

Post aus Hildmanns Telegram-Kanal, Quelle: bento.de

Nachdem im Sommer 2015 viele Geflüchtete nach Deutschland kamen, wurden auch in diesem Zusammenhang Vorurteile und Verschwörungstheorien („Großer Austausch“) populär. Die Folge: 2015 und 2016 gab es insgesamt rund 2000 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte – das sind mehr als 2 pro Tag.

Die Coronakrise könnte ähnliche Folgen haben, die sich in gesteigertem Antisemitismus äußern könnten, aber auch in Angriffen gegen Politiker (beides ist ja zum Teil schon der Fall).

Auch jetzt mischen sich schon auffällig viele Menschen unter die „Corona-Kritiker“, die offen rechtsextrem sind und beispielsweise zu den Reichsbürgern  oder Identitären gehören. Das sind, grob gesagt, Gruppierungen, die die Souveränität der Bundesrepublik Deutschland und ihre Rechtsordnung ablehnen und/oder eine „Reinhaltung“ der Gesellschaft anstreben. Die Identitäre Bewegung wird bereits vom Verfassungsschutz beobachtet.

Ganz konkret können Verschwörungstheorien rund um Corona aber eine Gefahr für die Gesundheit darstellen – für die eigene und die der Mitmenschen. Das zeigen die Verschwörungstheorien rund um die sogenannten „Impfgegner“.

Seit Jahren kursieren Gerüchte, impfen würde zu Autismus/ BSE/ AIDS führen. Ein anderer Mythos besagt, impfen würde lediglich die Profit-Gier der Pharma-Lobby stillen, indem Krankheitserreger im Impfstoff enthalten seien, für die man dann wiederum Medikamente kaufen müsse. Längst sind solche Theorien wissenschaftlich widerlegt, aber Impfgegner vertrauen weder Wissenschaft noch den gängigen Medien – schließlich haben die Impfgegner als einzige die Wahrheit erkannt. Das hat zur Folge, dass beispielsweise Masern in Europa wieder auf dem Vormarsch sind. Beinahe jeder Fünfte in Deutschland findet die Masernimpfung „nicht so wichtig“. Dabei kann die Erkrankung Leben kosten. Die meisten Todesopfer sind Kinder unter 5 Jahren.

Hinzu kommt: Wer einmal tief drinsteckt in den Verschwörungstheorien und den dazugehörigen Kreisen, der kommt da nur schwer wieder raus. Wie soll man jemanden überzeugen und an welche Vernunft soll man appellieren, wenn jegliches Vertrauen in Medien und Wissenschaft fehlt?

Woher weiß ich denn, dass es eine Verschwörungstheorie ist und nicht vielleicht doch die Wahrheit?

Bei manchen Verschwörungstheorien erkennt man mit gesundem Menschenverstand sofort, dass es sich um nichts als ausgedachte Fantasien handelt. Andere wiederum erkennt man nicht direkt, weil sie sich eigentlich ganz plausibel anhören. Wie erkennt man also, dass es sich um eine Verschwörungstheorie handelt?

Eine Verschwörungstheorie, die Attila Hildmann am 8. Mai 2020 in seiner Instagram-Story teilte. Es folgten zahlreiche „Beweise“ dafür, dass Madonna eine Satanistin sei. Quelle: Instagram-Account @attila_hildmann

Der erste Punkt ist immer ganz klar: Quellen überprüfen und Daten checken.

Seriöse Quellen sind beispielsweise offizielle Behörden, beispielsweise die Bundeszentrale für politische Bildung, das Statistische Bundesamt, das Robert-Koch-Institut oder das Bundeskriminalamt. Auch auf den Seiten von Ministerien, oder von Institutionen wie WHO, EU und UN findet ihr oft viele Berichte, Daten und Zahlen. Auch Seiten von Universitäten oder anderen wissenschaftlichen Institutionen können als Informationsquelle dienen.

Was ihr außerdem tun könnt, wenn ihr etwas lest und nicht sicher seid, ob das wahr ist, oder nicht: Überprüft, ob andere Medien darüber berichten – seriöse Medien. Dazu zählt zum Beispiel der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ARD, ZDF, WDR, HR, SR, SWR, NDR, RBB, MDR, BR). Private Sender (zum Beispiel RTL und Pro7) bereiten ihre Nachrichten zwar häufig weniger sachlich auf, in der Regel sollten sich aber auch hier keine Verschwörungstheorien finden.

Zu den verlässlichen Medien gehören außerdem:

  • Süddeutsche Zeitung
  • Die Zeit
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)
  • Handelsblatt
  • Deutschlandfunk
  • Der Tagesspiegel
  • die tageszeitung (taz) (tendenziell eher links)
  • Die Welt (tendenziell eher rechts)

BILD, Focus, Stern und Spiegel sind dabei zu betrachten wie RTL & Co: Sie bieten Basis-Informationen und sind (wahrscheinlich) besser als gar keine Nachrichten, sind aber zum Teil sehr tendenziös und auf Sensation ausgelegt.

Als ziemlich weit rechts und teilweise als Verbreitende von Verschwörungstheorien werden Compact, Tichys Einblick und die Neue Zürcher Zeitung eingeordnet. Von diesen Medien sollte man also eher Abstand halten, wenn man vermeintliche Verschwörungstheorien überprüfen möchte.

Nehmen wir mal als Beispiel das Video, das aktuell von Ken Jebsen verbreitet wird. Darin spricht er unter anderem über die angeblichen Machenschaften von Bill Gates. Eine kurze Google-Suche zu „ken jebsen bill gates“ zeigt schon anhand der Titel, was von diesen Aussagen zu halten ist:

Screenshot der ersten Google-Suchergebnisse exkl. Schlagzeilen zum Suchbegriff „ken jebsen bill gates“ vom 10.05.2020

Teilweise werden aber auch seriöse Quellen von Verschwörungstheoretikern herangezogen, bloß, dass die Quellen/ Zitate aus dem Zusammenhang gerissen oder ungenau zitiert werden (Ken Jebsen zitiert beispielsweise das Grundgesetz in seinem Video nicht vollständig, siehe Faktencheck des ZDF). Hier gilt: Macht die Quelle ausfindig und lest sie komplett. Vergleicht sie mit anderen Quellen, was schreiben andere Zeitungen dazu, was sagen andere Reportagen über das Thema? Man kann in der Regel keine fundierte Meinung auf einer einzigen, halbgaren Quelle aufbauen und schon gar nicht kann man damit „die ganze Wahrheit“ erklären. Ja, das ist manchmal kompliziert und anstrengend, aber die Welt ist es auch und lässt sich deswegen auch nicht in wenigen Sätzen erklären.

Wenn du keine seriösen Quellen für die Behauptungen findest, kann es sein, dass es sich um eine Verschwörungstheorie oder Fake News handelt. Das muss natürlich nicht so sein, aber wenn sich Behauptungen nicht mit offiziellen Statistiken decken oder wenn sie sich schlicht nicht beweisen lassen, ist Skepsis geboten.

Allerdings benennt Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl ein schwerwiegendes Problem, denn der Erfolg von Verschwörungstheorien basiert auch auf einer emotionaler Wirkung: „Es reicht also nicht nur die „Fakten“ zu entkräften, sondern es ist auch wichtig eine andere Art von Deutung und emotionaler Teilhabe anzubieten. Im Zweifel schlägt Emotion jeden Faktencheck.“

Was also tun, wenn sich jemand von Fakten nicht mehr beeindrucken lässt? Der Standard empfiehlt, Ängste ernst zu nehmen und nicht lächerlich zu machen. Außerdem hilft es, seriöse und positive Nachrichten zu verstärken. Dabei hilft es auch, Beiträge von Prominenten zu teilen, die seriöse Nachrichten und Wissenschaft stützen.

In der aktuellen Coronakrise sind viele Menschen verunsichert, weil Expert:innen und Politiker:innen so häufig ihre Meinung ändern oder vorherige Aussagen revidiert werden. Das ist nicht schön, aber es ist kein Zeichen für eine Verschwörungstheorie. Das Coronavirus ist neu, die Situation der Pandemie ist (einigermaßen) neu und Erkenntnisse in der Forschung sind immer im Wandel. Bei Corona gerade besonders, weil nun mal auf der ganzen Welt sehr intensiv daran geforscht wird. Wissenschaft lebt von Zweifeln und von Erkenntnisgewinnen. Natürlich weiß niemand, wie die Lage in Deutschland wäre, hätte es den „Lockdown“ (der kein richtiger war) nicht gegeben. Aber ich, als Otto-Normalverbraucherin, maße mir nicht an, die Fakten besser zu kennen als Virolog:innen und die Entscheidungen besser treffen zu können als Politiker:innen.

Generell solltet ihr vorsichtig sein, wenn jemand behauptet „die Wahrheit“ herausgefunden zu haben oder dass der-/diejenige als einzige:r noch rational denkt. Denn wie wahrscheinlich ist es am Ende, dass beispielsweise ein veganer Koch die Wahrheit herausgefunden hat, aber diverse Journalist:innen und Politiker:innen nicht?

Quellen und weitere Informationen


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