Toxische Männlichkeit – Wann ist ein Mann ein Mann?

Lesezeit: 8 Minuten Männer weinen nicht, Männer werden nicht krank und Männer brauchen keine Hilfe. All diese Klischees sind Teil des Konstrukts von toxischer Männlichkeit. Die schadet nicht nur Männern selbst, sondern auch allen anderen in einer Gesellschaft. Doch was ist toxische Männlichkeit genau und wie sehen ihre Folgen aus? Dieser Beitrag wirft ein Schlaglicht darauf.
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Wer sich mit den Themen Feminismus oder Gender beschäftigt, kommt früher oder später mit einem spezifischen Thema in Berührung: toxic masculinity – toxische Männlichkeit. Der Begriff stammt aus einem Bereich der Soziologie, der die systemischen Machtstrukturen einer Gesellschaft untersucht. Toxische Männlichkeit wird also wichtig, wenn es darum geht, warum Männer in der Gesellschaft dominante Positionen haben, wie diese bestärkt und gesichert werden bzw. wie Nicht-Männer (Frauen und andere Geschlechtsidentitäten) untergeordnet bleiben.

Doch was ist toxische Männlichkeit eigentlich? Soll das heißen, alle Männer sind schädlich? Dieser Artikel beleuchtet das Thema.

Was ist toxische Männlichkeit? – Der Versuch einer Definition

Toxische Männlichkeit meint klischeehafte und einengende Verhaltensweisen oder Umgangsformen zur Demonstration von Männlichkeit, die ein eindimensionales Bild vom Mann-Sein entwerfen. Diese Vorstellungen von Männlichkeit werden zum Teil gesellschaftlich eingefordert und schränken Emotionen und Verhaltensweisen von Jungen und Männern ein.

Zu diesen Umgangsformen und Verhaltensweisen von toxischer Männlichkeit gehören zum Beispiel diese:

  • Männer sollen hart sein und keine Schwäche zeigen.
  • Männer sollen Gefühle verstecken oder unterdrücken (außer Wut und Aggression).
  • Männer lösen Konflikte mit Gewalt.
  • Männer packen Probleme an und bewältigen sie ohne fremde Hilfe.
  • Männer verhalten sich nicht „weibisch“ oder „verweichlicht“ (schüchtern, liebevoll, zärtlich).
  • Männer sind auf Wettbewerb und Dominanz, nicht auf Kooperation ausgelegt.
  • Männer wollen immer Sex und können auch immer.
  • Männer und Frauen verstehen sich nicht und können nicht befreundet sein.
  • Männer sind breitschultrig, muskulös, hochgewachsen und schmerzresistent.

Im Zusammenhang mit toxischer Männlichkeit fallen häufig auch Begriffe wie Macho oder Alpha-Mann.

Gilette griff das Konzept der toxischen Männlichkeit in einem Werbespot von 2019 auf. In diesem Werbespot geht es darum, dass Männer keine Gewalt anwenden sollten und dass sexuelle Belästigung und Mobbing nicht okay sind. Dass Männer ihr Verhalten überdenken sollten, um Jungen ein gutes Vorbild zu sein. Wie sehr toxische Männlichkeit in unserer Gesellschaft verankert ist, zeigt sich vielleicht daran, dass dieses Video auf YouTube 812.000 Likes hat – und 1,5 Millionen Dislikes (Stand 03.05.2020):

Warum sind diese Verhaltensweisen und Umgangsformen so schädlich?

Das Problem an toxischer Männlichkeit ist, dass sie oft von der Gesellschaft eingefordert wird – also viele Leute erwarten, dass sich Männer so verhalten wie oben beschrieben wird. Wenn Jungen oder Männer diesen Stereotypen nicht entsprechen, müssen sie auch heute noch mit negativen Folgen rechnen, zum Beispiel indem sie ausgelacht, beleidigt oder bloßgestellt werden. Ihnen wird abgesprochen, ein „wahrer Mann“ zu sein und oftmals wird es so dargestellt, als ob Frauen eben nur solche „wahren Männer“ attraktiv finden (auch von Frauen selbst).

Toxische Männlichkeit bedeutet auch, dass diese stereotypen Verhaltensweisen immer wieder bestätigt werden müssen, zum Beispiel durch die Abwertung von Frauen oder anderen Geschlechtsidentitäten, von Männern, die nicht „Alpha“ genug sind, aber auch durch „typisch männliche“ Verhaltensweisen wie Bier trinken oder Fleisch essen. Ein Mann, der lieber eine Saftschorle als ein Bier bestellt, eher einen Salat statt eines Steaks isst? – In diesem Konzept von Männlichkeit schwach, lächerlich, unmännlich. Und das ist schädlich.

Doch nicht nur auf den eigenen Lebensbereich einzelner Menschen kann sich toxic masculinity negativ auswirken. Auch gesellschaftlich-politisch gesehen kann toxische Männlichkeit ein Problem sein, weil sie ein Geschlechterbild aufrechthält, das rechtsgesinnten Menschen zusagt. Denn mit toxischer Männlichkeit gehen nicht nur traditionelle Bilder von Männlichkeit einher, sondern auch von Weiblichkeit. Toxische Männlichkeit äußert sich häufig (auch) in Frauenfeindlichkeit, Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit.

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Toxische, also schädliche, Männlichkeit umfasst, wie oben benannt, auch die Annahme, Männer hätten immer Lust auf (heterosexuellen) Sex und könnten diesen entsprechend auch zu jeder Zeit „abliefern“. Dieser Stereotyp ist ein gefährlicher Baustein der Rape Culture, also ein System, das Nährboden für Vergewaltigungen und andere sexuelle Übergriffe ist. Aber noch mehr: Die Annahme, Männer wollen und können immer Sex haben, befeuert die Annahme, Männer könnten nicht Opfer von sexueller Gewalt werden.

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Toxische Männlichkeit ist schädlich – Statistiken im Überblick

Ein schädliches Verständnis von Männlichkeit kann ein übersteigertes Leistungsdenken zur Folge haben, ebenso wie eine höhere Risikobereitschaft, Tendenz zur Gewaltbereitschaft und ungesunden Lebensentscheidungen – alles einhergehend mit Unterdrückung oder Verstecken von Gefühlen, Ängsten und Schwächen.

Deswegen können toxische Männlichkeitskonzepte die physische und psychische Gesundheit gefährden, unter anderem weil Arztbesuche vermieden werden. Das schlägt sich in Krankheits- und Selbstmordstatistiken nieder:

  • 76 Prozent der Selbsttötungen im Jahr 2017 wurden von Männern begangen – über 19 Männer pro Tag. (Deutsches Statistisches Bundesamt)
  • Unter schwulen, bisexuellen oder trans Männern in Großbritannien litten bereits 46 Prozent unter Depressionen, während es in der Gesamtbevölkerung nur rund 20 Prozent waren. (Studie von Stonewall, 2018)
  • 3 Prozent der schwulen Männer und 5 Prozent der bisexuellen Männer in Großbritannien unternahmen im Jahr 2013 einen Suizidversuch. Bei heterosexuellen Männern lag die Rate bei 0,4 Prozent. (Gay Men’s Health Survey, 2013)
  • Rund 57 Prozent der verstorbenen Männer sind jünger als 80 Jahre. Bei den Frauen sind es nur rund 35 Prozent. (Statistisches Bundesamt, 2016)
  • Männer rauchen häufiger als Frauen: 24 Prozent der Männer zwischen 18 und 59 Jahren rauchen, bei den Frauen sind es nur 18,5 Prozent. (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2018)
  • Männer trinken mehr als Frauen: Männer konsumieren durchschnittlich 16 g Reinalkohol pro Tag, Frauen nur 9 g. Fast jeder 5. Mann nimmt riskante Mengen Alkohol zu sich, bereits 14 Prozent der minderjährigen Jungen trink regelmäßig Alkohol. Bei Männern wurde eine Alkoholabhängigkeit 2,7-mal so häufig diagnostiziert wie bei Frauen. (Deutsches Krebsforschungszentrum, 2017)
  • Männer suchen seltener einen Arzt auf als Frauen: Für Männer zwischen 20 und 24 Jahren wurden im Jahr 2017 nur 6,5 Behandlungstage abgerechnet – niemand geht seltener zum Arzt als diese Bevölkerungsgruppe. Für Frauen im gleichen Alter waren es doppelt so viele Tage. Dafür werden für Männer ab 75 Jahren mehr Behandlungstage abgerechnet als für gleichaltrige Frauen. (Barmer Arztreport 2019)

Darüber hinaus fehlt es an männlichen Vorbildern in Kindergärten und Schulen: 73 Prozent der Lehrkräfte sind weiblich, in der Grundschule sind es sogar über 89 Prozent. Lediglich an Berufsschulen gibt es zum Teil im Durchschnitt mehr männliche als weibliche Lehrende.

Toxische Männlichkeit tut weh

Gewalt spielt im Leben vieler Männer eine Rolle. In Sachen Mord, Todschlag und Tötung auf Verlangen waren im Jahr 2017 88 Prozent der Tatverdächtigen Jungen und Männer. In 68 Prozent der Fälle waren Männer Opfer dieser Verbrechen.

Zwar machen Männer nur 7 Prozent der Opfer von Vergewaltigung und sexueller Nötigung aus, es ist aber davon auszugehen, dass die Dunkelziffer hier mindestens so hoch ist wie bei den weiblichen Opfern.

Und gerade im Bereich häuslicher Gewalt sind Jungen und Männer nicht unbedingt seltener Opfer als Mädchen und Frauen. Laut einer Studie des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend haben drei von fünf Männern als Kinder oder Jugendliche Gewalt erfahren in Form von Schlägen, Ohrfeigen, Tritten oder Prügel. Auch psychische Gewalt (Beleidigungen, Schikanierungen, Einschüchterungen, Demütigungen) haben 60 Prozent der Männer bereits in Kindheit und Jugend erlebt. Jeder zwölfte Mann hat in der Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt erfahren. Die Täter sind in der Öffentlichkeit, Freizeit oder Schule in fünf von sechs Fällen ebenfalls männlich. In der Familie sind männliche und weibliche Täter:innen beinahe gleich häufig vertreten.

Bei sexualisierter Gewalt im Erwachsenenleben scheinen die größten Hindernisse vorzuliegen, über entsprechende Widerfahrnisse zu berichten. Hier fehlen nicht nur eine entsprechende Sprache und entsprechende Bilder, sondern auch der Mechanismus der „Scham der Unmännlichkeit“ wirkt als großes Hindernis.

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Studie „Gewalt gegen Männer“, Kurzfassung, Seite 9

Etwa ein Viertel der befragten Männer in der Studie des BMFSFJ hat bereits körperliche Gewalt in einer Beziehung mit einer Frau erfahren. Keiner von ihnen hat die Polizei gerufen, obwohl einige der Meinung waren, dass die Partnerin eine Strafe verdient hätte. Mehr als die Hälfte gab an, nie mit körperlicher Gewalt angefangen zu haben und/oder in solchen Situationen nicht zurückgeschlagen zu haben. Auch psychische Gewalt, soziale Kontrolle und sexualisierte Gewalt finden in Beziehungen statt und werden äußerst selten der Polizei, einem Arzt oder anderen Außenstehenden gemeldet, weil die Scham zu groß ist.

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Was kann man gegen toxische Männlichkeit tun?

Die American Psychological Association (APA) hat Richtlinien für Psycholog:innen entwickelt, die bei der Behandlung von Männern und Jungen beachtet werden sollen und die dabei helfen sollen, eigene Rollenbilder zu hinterfragen. Und diese Richtlinien sind nicht nur für Therapeut:innen interessant, sondern auch für den eigenen Alltag. Einige Punkte dieser Richtlinien sind folgende:

  1. Männlichkeit ist ein Konstrukt, das auf sozialen, kulturellen und kontextuellen Normen beruht. „Klassisch männliche“ Eigenschaften nicht gibt, diese Vorstellungen sind abhängig von unserem Umfeld und was uns beigebracht wird. Wenn wir das akzeptieren, fällt es uns leichter, toxische Männlichkeit zu erkennen, zu benennen und zu vermeiden.
  2. Männer sind keine eindimensionalen Wesen und Männlichkeit ist ebenso wenig eindimensional. Jeder Mensch, egal welchen Geschlechts, ist einzigartig und in verschiedenen Situationen/Rollen verhalten wir uns unterschiedlich. Jede Identität hat ihre Berechtigung.
  3. Gefühle sind für alle da – auch für Männer. Auch Männer weinen, sind verletzlich und wollen sich geboren fühlen oder zärtlich sein. Und das dürfen sie ebenso wie jeder andere Mensch auf der Welt, ohne dass dadurch ihre Männlichkeit in Gefahr gerät.
  4. Gefühle müssen bewältigt werden. Leider haben viele Jungen und Männer das nie gelernt. Deswegen ist es wichtig, Bewältigungsstrategien zu entwickeln, damit Gefühle nicht immer nur in Aggression und Wut ausgedrückt werden.
  5. Gleichberechtigte Partnerschaften und positive Vaterfiguren helfen, klassische Geschlechterrollen zu überwinden. So wird Kindern früh klar, dass es nicht das eine Konzept von Männlich- oder Weiblichkeit gibt, welches sie erfüllen müssen.
  6. Gesundheitsvorsorge ist nicht unmännlich. Männer müssen sich nicht vor Ärzt:innen oder Untersuchungen fürchten. Im Gegenteil: Vorsorge ist wichtig und kann Leben retten. Das hat nichts mit Schwäche zu tun.

Ist jedes männliche Verhalten toxisch? Sind Männer einfach Schweine?

Nein, wenn von toxischer Männlichkeit die Rede ist, heißt das nicht, dass prinzipiell alle Männer böse oder schlecht sind. Kritisiert werden:

  • Die Erwartungen, die an Männer und Jungen gestellt werden
  • Die Abwertung von Männern, die diesem Stereotyp nicht entsprechen
  • Die Männer, die diese toxischen Verhaltensweisen übernehmen und somit sich und anderen Schaden zufügen.

Toxische Männlichkeit wird häufig, aber nicht ausschließlich von heterosexuellen cis Männern verkörpert. Aber jede Person, egal welcher Sexualität oder welchen Genders, kann toxic masculinity nutzen, um dieses schädliche Bild von Männlichkeit aufrecht zu erhalten.

Maskulinität an sich ist dabei nicht das Problem. Es ist nicht toxisch oder schädlich, wenn ein Mann breite Schultern hat, Bier trinkt oder ein Schnitzel isst. Das Problem entsteht, wenn dieses Konzept von Männlichkeit als das einzige wahre anerkannt wird, anderen aufgezwungen wird, Verantwortung abgegeben wird und es letztlich zu physischen oder psychischen Schäden kommt.

Männer dürfen auch weiterhin schnelle Autos mögen, Gewichte heben und Steak essen. Sie sollen aber auch stricken dürfen, Kleider tragen dürfen, weinen dürfen, wenn ihnen danach ist, ohne dass ihnen die Männlichkeit abgesprochen wird. Sie und alle anderen Menschen sollen lernen, dass diese Form von Männlichkeit kein erstrebenswertes Ideal ist. Das würde wahrscheinlich viele Männer gesünder und glücklicher machen und vielen anderen Menschen ebenfalls nutzen, weil beispielsweise Gewalterfahrungen abnehmen und individuelle Identitäten mehr Akzeptanz erfahren. Deswegen ist es wichtig, toxische Männlichkeit zu erkennen, zu benennen und gegen sie anzukämpfen.

Quellen und weitere Informationen:

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