Cis, trans, non-binary: Gender einfach erklärt

Lesezeit: 7 Minuten Der Begriff Gender läuft uns immer häufiger über den Weg – häufig auch negativ besetzt in Form von „Genderwahn“ oder „Gender-Ideologie“. Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff eigentlich? In diesem Beitrag geht es um die Unterscheidung zwischen „sex“ und „gender“ und darum, dass es (auch biologisch!) mehr als 2 Geschlechter gibt.
Lesezeit: 7 Minuten

Der Begriff Gender läuft uns immer häufiger über den Weg – häufig auch negativ besetzt in Form von „Genderwahn“ oder „Gender-Ideologie“. Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff eigentlich?

In diesem Beitrag geht es um folgende Themen:

Wenn man von Gender spricht ist das sogenannte „soziale Geschlecht“ von Menschen gemeint. Besonders deutlich wird das, was damit gemeint ist, wenn man sich die englischen Begriffe „sex“ und „gender“ anschaut:

  • Mit „sex“ ist das Geschlecht gemeint, das einem Kind bei der Geburt zugewiesen wird, weil es bestimmte körperliche Merkmale hat.
  • Mit „gender“ ist das Geschlecht gemeint, das ein Mensch fühlt und lebt oder leben möchte.

Die Unterscheidung ist wichtig, weil sex und gender eben nicht immer identisch sind. Wissenschaftler untersuchen mittlerweile, wie Gender entsteht und wie es sich zum Beispiel auf Politik und Kultur auswirkt oder wie es davon beeinflusst wird („Gender Studies“).

Wie nennt man Gender auf Deutsch?

Mittlerweile hat sich in vielen Bereichen, vor allem in der Wissenschaft, auch der Begriff „Gender“ durchgesetzt. Man könnte ihn aber auch mit „Geschlechtsidentität“ übersetzen.

Die Psychologie definiert Identität als die innere Einheit einer Person, die als „Selbst“ erlebt wird. Also, was wir in uns selbst fühlen, egal, wie andere uns sehen oder bezeichnen. Und das trifft auf Gender bzw. Geschlechtsidentität zu: Das, was wir selbst über unser Geschlecht wissen.

Transgender: Was, wenn sex und gender nicht identisch sind?

Bei manchen Menschen stimmt das zugewiesene Geschlecht (oft auch als „körperliches Geschlecht“ bezeichnet) nicht mit der Geschlechtsidentität überein. Also beispielsweise wurde jemandem bei der Geburt das Geschlecht „männlich“ zugeordnet, weil die Person einen Penis und andere männliche Merkmale hat. Im Inneren identifiziert sich die Person aber als weiblich und möchte auch so leben, so aussehen, so wahrgenommen und angesprochen werden. Andersrum ist das natürlich ebenso möglich.

Wenn das der Fall ist, ist dieser Mensch transgender. Früher war die Bezeichnung „transsexuell“ geläufiger, das hat sich aber geändert, weil die Geschlechtsidentität nichts mit der sexuellen Identität zu tun hat wie beispielsweise Homo- oder Heterosexualität. Man kann die Bezeichnung auch abkürzen und dann beispielsweise von „trans Mann“ oder „trans Frau“ sprechen.

Trans Menschen werden immer noch große Hürden in den Weg gelegt, um ihr sex ihrem gender anzugleichen. Von Transfeindlichkeit (also Beleidigungen, Bedrohungen, Gewalt etc.) einmal abgesehen, müssen trans Menschen auch diverse Untersuchungen und Therapiestunden über sich ergehen lassen, bevor sie beispielsweise eine Hormontherapie oder eine Operation durchführen lassen können. Mit diesen Methoden kann dann das „körperliche Geschlecht“ an die Geschlechtsidentität angeglichen werden. Allerdings möchte nicht jede trans Person diese medizinischen Maßnahmen wahrnehmen, das ist natürlich von Person zu Person verschieden.

Häufig wird in diesem Zusammenhang von „Geschlechtsumwandlung“ gesprochen. Der Begriff „Geschlechtsangleichung“ trifft es aber besser, schließlich wird das Geschlecht nicht komplett gewandelt – die Geschlechtsidentität ist ja schon da. Das körperliche Geschlecht wird lediglich an das empfundene Geschlecht angeglichen.

Solche Behandlungen und vor allem Akzeptanz und Unterstützung in der Gesellschaft sind wichtig, weil sie trans Menschen ein glückliches und sicheres Leben ermöglichen. Studien zeigen, dass trans Jugendliche beispielsweise ein höheres Risiko haben, obdachlos zu werden, Drogen zu missbrauchen oder Suizid zu begehen, ausgehend von Mobbing und Missbrauch sowie dem Stress der Gender Dysphoria, also eine extreme Unsicherheit und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper.

Disclaimer: Wenn du selbst unter Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dich telefonisch an die Telefonseelsorge wenden: 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222. Die Beratung ist anonym und kostenlos.

Was heißt „cis gender“?

Cis bedeutet ganz einfach, dass sich ein Mensch mit dem Geschlecht identifiziert, das ihm bei der Geburt zugewiesen wurde.

Für mich persönlich heißt das zum Beispiel: Bei meiner Geburt wurde mir das Geschlecht „weiblich“ zugeordnet und in meine Geburtsurkunde eingetragen. Ich identifiziere mich auch als weiblich. Ich bin also „cis“.

Die Silbe „cis“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „diesseits“. Die Bezeichnung wurde 1991 vom Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch eingeführt. Er wollte damit deutlich machen, dass, wenn es „trans gender“ gibt, es natürlich auch „cis gender“ geben muss und dass dieses Zusammenfallen von sex und gender keine Selbstverständlichkeit ist. In Anlehnung an die Vorsible „trans“ (hindurch, jenseits, über – hinaus) legte er daher „cis“ fest.

Gender-Arten: Wie viele Geschlechter gibt es?

In der Vergangenheit haben wir fast alle gelernt, dass es zwei Geschlechter gibt: männlich und weiblich. Wir haben außerdem vermittelt bekommen, dass unsere Geschlechtsidentität mit dem Geschlecht übereinstimmt, das uns bei der Geburt zugewiesen wurde.

Aber bereits auf körperlicher Ebene lassen sich Menschen nicht bloß in zwei Geschlechter einteilen. Denn auch für das „körperliche Geschlecht“ sind mehrere Faktoren ausschlaggebend. Neben den Genitalien und Keimdrüsen (Eierstöcke oder Hoden) sind das auch Chromosomen und Hormone. Bei manchen Menschen sind manche der Faktoren männlich, andere hingegen weiblich. Das bezeichnet man als Intergeschlechtlichkeit. Dem werde ich mich in einem anderen Beitrag widmen, denn hier soll es ja in erster Linie um Geschlechtsidentitäten gehen, also um gender, nicht um sex. Wenn ihr in der Zwischenzeit mehr über Intergeschlechtlichkeit erfahren möchtet, empfehle ich euch den Artikel von genderdings.

Zurück zu den Geschlechtsidentitäten (Gender). Fest steht: Es gibt mehr als bloß zwei Geschlechtsidentitäten. Es gibt verschiedene Begriffe, die das ausdrücken, zum Beispiel nicht-binär oder auch non-binary oder enby.

  • Nicht-binär/ non-binary/ enby/ genderqueer: „Binär“ heißt zwei und meint damit die beiden Geschlechtsidentitäten männlich und weiblich. Mit nicht-binär bzw. non-binary sind alle Menschen gemeint, die nicht in dieses Zweiersystem fallen und weder männlich noch weiblich sind. Manchmal wird das auch als genderqueer bezeichnet. Prominente, die sich als non-binary geoutet haben, sind zum Beispiel Amandla Stenberg, Cara Delevigne, Ezra Miller, Indya Moore, Jonathan Van Ness, Miley Cyrus, Rose McGowan, Ruby Rose und Sam Smith.
  • Genderfluid: Genderfluide Menschen verstehen Geschlecht als fließend und beweglich. Sie fühlen sich also zum Beispiel manchmal eher männlich und manchmal eher weiblich, oder manchmal eher weiblich und manchmal eher agender.
  • Agender: Keinem Geschlecht zugehörig fühlen sich agender Personen, in dem Sinne, dass sie Geschlecht nicht als relevanten Teil ihrer Identität wahrnehmen.
  • Bigender: Die Silbe „bi“ steht für zwei. Bigender Menschen haben also zwei Geschlechtsidentitäten, die gleichzeitig da sein können oder sich abwechseln.
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Nicht-binäre Menschen können gleichzeitig als trans gelten, weil das Geschlecht, mit dem sie sich identifizieren, nicht das ist, was ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

In diesem YouTube-Video schildert eine non-binary Person das Thema noch etwas anschaulicher:

Was ist Gender-Mainstreaming?

Gender-Mainstreaming ist ein Ansatz in der Geschlechterpolitik, um die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern. Um diese Gleichstellung zu erreichen, sollen die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Menschen aller Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen berücksichtigt werden. Wenn politische Entscheidungen getroffen werden, soll also immer auch überlegt werden, welche geschlechtsspezifischen Folgen diese Aktion haben wird. Deswegen wird Gender-Mainstreaming häufig mit „geschlechtersensible Folgenabschätzung“ übersetzt.

Der Begriff tauchte bereits 1985 auf der 3. UN-Weltfrauenkonferenz auf. Mit dem Vertrag von Amsterdam (1997/99) ist Gender-Mainstreaming ein erklärtes Ziel der Europäischen Union.

Wie sieht gendergerechte Sprache aus?

Gender- oder geschlechtergerechte Sprache heißt, dass die (angestrebte) Gleichstellung der Geschlechter in der Sprache zum Ausdruck kommt. Dabei können im Wesentlichen zwei Wege eingeschlagen werden:

Neutralisierung

Du kannst geschlechtsneutrale Formulierungen wählen, zum Beispiel statt „Studenten“ kannst du „Studierende“ sagen. In einem Artikel wie diesem hier kann man zum Beispiel problemlos oft einfach von Leuten, Menschen oder Personen sprechen. Das ist auch geschlechtsneutral.

Sichtbarmachung

Hierbei werden die biologischen Geschlechter deutlich. Du könntest also zum Beispiel „Lehrer und Lehrerinnen“ sagen oder schreiben und hast damit Männer und Frauen sichtbar gemacht. Alternativen dazu sind die Schreibweisen mit Klammern (Lehrer(innen)) oder Schrägstrich (Lehrer/innen).

Allerdings haben wir ja in diesem Artikel gelernt, dass es eben nicht nur Männer und Frauen gibt. Deswegen greifen viele Menschen oder Institutionen auf Sternchen, Gap oder Doppelpunkt zurück:

  • Lehrer*innen
  • Lehrer_innen
  • Lehrer:innen

Das typographische Zeichen soll zum Ausdruck bringen, dass sowohl männliche und weibliche als auch nicht-binäre Menschen einbezogen werden. Auf diesem Blog verwende ich die Form mit Doppelpunkt, weil diese Version meinen Recherchen zufolge in Sachen Barrierefreiheit am besten ist. Das heißt, Screenreader (Vorlese-Programme für Menschen mit Sehbinderung) geben die Version mit dem Doppelpunkt am flüssigsten wieder.

Ansprache von nicht-binären Menschen

Im Deutschen tut sich allerdings noch eine weitere Schwierigkeit auf, wenn es um gendergerechte Sprache geht. Wie spricht man nicht-binäre Menschen an, die nicht als „sie“ oder „er“ angesprochen werden möchten? In der Regel haben sich diese Menschen da selbst schon Gedanken zu gemacht und wenn sie dir mitteilen, welche Pronomen sie bevorzugen, solltest du dich aus Respekt daranhalten. Als Mann möchtest du schließlich auch nicht als „sie“ bezeichnet werden und als Frau auch nicht als „er“, oder?

Im Englischen wählen viele nicht-binäre Menschen meistens das Pronomen „they“. Also, in einem Beispielsatz:

  • Kay is 20 years old. They live in New York and you can usually meet them at the bookstore.

Doch wie soll man diesen Satz übersetzen? Das Pronomen „es“ wird häufig als Beleidigung empfunden, weil es sich meistens nicht auf Menschen, sondern auf Dinge bezieht. Es gibt verschiedene Ansätze für nicht-binäre Pronomen im Deutschen, zum Beispiel „sier“ als kombinierte Form von sie und er.

Der obige Satz würde dann wie folgt lauten:

  • Kay ist 20 Jahre alt. Sier lebt in New York und du kannst sier meistens im Buchladen finden.

Weitere Pronomen, die Verwendung finden sind xier, em oder hen. Wenn sie jemand vor dir als nicht-binär outet, frag am besten nach, wie du die Person ansprechen sollst.

Auf Social-Media-Plattformen schreiben viele Menschen ihre Pronomen zum Beispiel in ihr Profil. Übrigens schreiben auch cis Menschen ihre Pronomen in ihr Profil, um trans oder non-binary Menschen zu unterstützen. Denn wenn nur nicht-cis Menschen die Pronomen in ihrem Profil hätten, würden sie von trans-/ queerphoben Menschen sehr einfach erkannt werden, was zu Hass und Gewalt führen könnte. Die Pronomen wegzulassen kommt aber für viele Menschen auch nicht infrage, denn dann würden sie vielleicht falsch angesprochen werden und das ist oft nicht nur ärgerlich, sondern auch sehr schmerzhaft, für jemanden, der sich nicht mit seinem sex identifiziert.

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Artikelbild: Photo by Tim Mossholder on Unsplash

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