Müssen wir wirklich immer politisch korrekt sein?

Lesezeit: 7 Minuten Viele Menschen wissen manchmal gar nicht mehr, was sie eigentlich „noch sagen dürfen“ – ganz normale Menschen, wie Du und Ich, die niemandem auf die Füße treten wollen, die es aber eben im hektischen Alltag auch nicht schaffen, sich immer gründlich über alles zu informieren. Schneller als man denkt gibt es Streit, Diskussionen, Missverständnisse, Schuldzuweisungen, weil man sich nicht „politisch korrekt“ verhalten hat. Da kommt schnell die Frage auf: Müssen wir wirklich immer politisch korrekt sein?
Lesezeit: 7 Minuten

Ich habe ein wenig hin und her überlegt, welcher Beitrag sich am besten eignen könnte, um diesen Blog zu „eröffnen“. Ein Blog, der über aktuelle Themen aufklären soll, der Begriffe erklären wird und zur politischen Meinungsbildung beitragen kann.

Und mein Eindruck ist: Viele Menschen wissen manchmal gar nicht mehr, was sie eigentlich „noch sagen dürfen“. Damit meine ich nicht fiese Trolle, die es darauf anlegen, zu provozieren. Ich meine ganz normale Menschen, wie Du und Ich, die wirklich niemandem auf die Füße treten wollen, die es aber eben im hektischen Alltag auch nicht schaffen, sich immer gründlich über alles zu informieren. Schneller als man denkt ist man in ein Fettnäpfchen getreten, hat etwas gesagt, das man (so) nicht hätte sagen sollen, es gibt Streit, Diskussionen, Missverständnisse, Schuldzuweisungen. Weil man sich nicht „politisch korrekt“ verhalten hat.

Da kommt dann bei dem ein oder anderen schnell die Frage auf: Müssen wir wirklich immer politisch korrekt sein? Und dieser Frage will ich mich in diesem ersten Beitrag widmen.

Was heißt das überhaupt: „politisch korrekt“?

Unter „politischer Korrektheit“ versteht man ursprünglich die Idee, Handlungen und Ausdrücke zu vermeiden, die jemanden beleidigen, kränken oder verletzen könnten – zum Beispiel in Bezug auf die Hautfarbe, die Sexualität oder die Religion.

Wenn man über politische Korrektheit spricht, dreht sich die Diskussion meist auch um Meinungsfreiheit und öffentliche Meinung.

Frau mit einer Flagge, die das „Peace“-Zeichen zeigt. (Photo by Maria Oswalt on Unsplash)

Woher kommt der Begriff „politisch korrekt“?

Der Begriff stammt aus dem englischen Sprachraum. Dort wird „political correctness“ oft einfach mit „p.c.“ abgekürzt. Populär wurde der Begriff vor allem mit Beginn der 1990er Jahre. Damals wurde er in den USA von politisch Rechten und Konservation aufgegriffen. Sie wollten darauf hinweisen, dass die „politisch korrekte“ Sprache eine Zensur und eine Einschränkung der Redefreiheit bedeutet. So schwappte der Begriff auch in konservative Kreise in Europa.

Allerdings wird der Begriff auch von Linken benutzt. Entweder, weil sie die Begriffsherkunft nicht kennen und den Begriff als positiv wahrnehmen, oder weil sie den Begriff positiv umdeuten wollen.

Wie und wann wird der Begriff verwendet?

Als politisch korrekt gilt beispielsweise:

  • Geschlechtsneutrale Sprache (also nicht immer alle nur in der männlichen Form anzusprechen)
  • Neutrale Begriffe für ethnische Gruppen oder Minderheiten (bspw. Vermeidung des N-Worts sowie Wörter wie Z*geuner)
  • Eigentlich neutrale, beschreibende Begriffe nicht als Beleidigung verwenden (bspw. „schwul“ oder „behindert“)

Von Rechten und Konservativen werden solche „politisch korrekten“ Begriffe und Ausdrücke oft abgelehnt, weil sie angeblich die Sprache verkomplizieren würden oder, wie bereits erwähnt, die Meinungs- und Redefreiheit einschränken.

Aber die persönliche Ehre ist wichtiger als die freie Meinungsäußerung. Das heißt Beleidigungen, Volksverhetzung, Verleumdungen und Verstöße gegen die Sittlichkeit werden nicht von der Meinungsfreiheit geschützt. Das ist in Artikel 5, Absatz 2 des Grundgesetzes festgelegt.

Konservative stützen sich beim Thema politische Korrektheit oft auf das „Das haben wir schon immer so gemacht/ gesagt“-Argument. Die kanadische Soziologin Dorothy E. Smith schrieb bereits 1999 in ihrem Buch „Writing the Social: Critique, Theory, and Investigations” dazu:

„’Political correctness’ as an ideological code can be seen in this context as a traditional elite’s resistance to loss of an exclusive authority, founded in gender and imperialism, within the sphere of public discourse.”

Dorothy E. Smith: „Writing the Social“ (S.178)

Also: „Politische Korrektheit“ als ideologischer Code kann in diesem Zusammenhang als Widerstand einer traditionellen Elite im öffentlichen Diskurs gesehen werden, gegen den Verlust einer exklusiven Autorität, begründet in Geschlecht und Imperialismus.

Anders ausgedrückt: Diejenigen, die bislang an der Macht waren, haben Angst, diese Macht zu verlieren und wehren sich mit dem Ausdruck „political correctness“ dagegen.

Das zeigt sich besonders gut im „Das haben wir schon immer so gemacht“-Argument: Das Wort konservativ kommt immerhin von conservare, also etwas erhalten oder bewahren. An dem Bestreben, alte Werte und Traditionen zu bewahren ist grundsätzlich nichts Falsches.

Es gibt viele schöne Traditionen, die es lohnt, zu bewahren. Doch wenn es darum geht, alte Ausdrücke und Verhaltensweisen zu bewahren, die andere Menschen verletzen, kränken, diskriminieren – frage dich selbst: Ist es das wert? Oder: Können wir nicht unsere Werte und unsere Tradition auch dann bewahren, wenn wir ein wenig an unserer Sprache und unserem Verhalten arbeiten?

LOVE (Photo by Tyler Nix on Unsplash)

Warum soll political correctness wichtig sein? Es sind doch nur Worte

Trotz der Herkunftsgeschichte des Begriffs, betonen Menschen aus der linken Szene immer wieder, wie wichtig politische Korrektheit ist. Und gehen wir noch einmal zurück zur ursprünglichen Idee des Ausdrucks, scheint das auch nicht so abwegig zu sein:

Unter „politischer Korrektheit“ versteht man ursprünglich die Idee, Handlungen und Ausdrücke zu vermeiden, die jemanden beleidigen, kränken oder verletzen könnten.

Viele schwarze Menschen fühlen sich vom N-Wort beleidigt, erst recht und vor allem, wenn Weiße es gebrauchen. Viele homosexuelle Männer empfinden es als verletzend, wenn „schwul“ als Beleidigung verwendet wird. Viele Frauen fühlen sich nicht gesehen oder angesprochen, wenn Briefe und Co immer nur im generischen Maskulinum gehalten sind.

Denn wahrscheinlich weiß jeder: Worte können verletzen. Bestimmt ist jeder schonmal beleidigt oder gekränkt worden. Das tut weh. Bei „politischer Korrektheit“ geht es darum, diskriminierende Worte – aber auch Verhaltensweisen – zu vermeiden.

Es geht aber darüber hinaus, dass sich jemand verletzt fühlt. Denn Sprache beeinflusst unser Denken und unser Verhalten grundlegend. „Wer eine neue Sprache lernt, erwirbt also zu einem gewissen Grad auch eine neue Denkweise und einen neuen Blick auf die Welt (…) Das erlaubt uns zu sehen, dass die Dinge ganz anders sein können, als wir immer glaubten“, wird Psychologin Lera Boroditsky in einem Artikel der Zeit zitiert. Auch eine neue Dimension unserer Muttersprache kann daher neue Sichtweisen eröffnen und schließlich Denken und Handeln beeinflussen.

ABER: Muss man sich wirklich so anstellen? Ich habe das doch bloß als Witz gemeint.

Wenn ich etwas sage, entscheide ich nicht, wie sich ein anderer dabei fühlt. Und wenn ich einen Begriff verwende, der bei vielen als Beleidigung gilt, dann darf ich mich nicht wundern, wenn sich dadurch jemand eben beleidigt oder verletzt fühlt. Ich kann ja auch keinen Backstein werfen und dann darüber erstaunt sein, wenn das meinem Gegenüber weh tut. Ich habe auch kein Recht darauf, zu bestimmen, was meinen Gegenüber beleidigt. Wenn ich Kritik bekomme, sollte ich diese annehmen und beherzigen.

Oftmals hört man in der Diskussion um politische Korrektheit auch Argumente wie:

  • „Ich habe einen schwarzen Freund, der findet es gar nicht schlimm, wenn ich das N-Wort benutze.“

oder

  • „Mein Cousin sitzt im Rollstuhl, der macht selber Witze über Behinderte.“

Grundsätzlich gilt: Wie du mit deinen Freunden sprichst, geht eigentlich niemanden etwas an. Natürlich gibt es innerhalb von Gruppen, die oft diskriminiert werden, auch immer Menschen, die kein Problem mit dem ein oder anderen Begriff haben. Wenn du das mit deinen Freunden geklärt hast – dann ist das in Ordnung für euch. Und falls du jetzt unsicher geworden bist: Frag doch deinen Freund nochmal, ob er das wirklich in Ordnung findet. Vielleicht wollte er bloß höflich sein und dich nicht verärgern.

Bedenke aber, dass das nicht für alle Menschen gilt. Wenn du also jemand Fremdes triffst, dich in der Öffentlichkeit, im Internet oder sonst wo äußerst, überdenke das, was du sagst.

Das zweite Beispiel? Es ist etwas anderes, wenn ein Mensch, der dieser marginalisierten Gruppe angehört, über eben jene Gruppe spricht. Das heißt nicht, dass plötzlich alle Ausdrücke und Witze okay sind. Aber oftmals ist es beispielsweise so, dass das N-Wort innerhalb der Black Community akzeptiert(er) ist als wenn es ein Weißer sagt. Das liegt daran, dass es kein Machtgefälle gibt. Schließlich erfahren Weiße in unserer Gesellschaft keine strukturelle Diskriminierung, ihrer Hautfarbe werden keine Vorurteile und schädliche Stereotype angedichtet und sie wurden auch nicht über lange Zeit unterdrückt, als Sklaven gehalten und ihr Land wurde nicht kolonialisiert.

Oben habe ich ja schonmal von der Elite geschrieben, die an ihrer Macht festhalten will. In Deutschland gehören weiße Menschen immer zu dieser Elite – manche mehr, manche weniger. Weiße Menschen sind privilegiert. Sie müssen nicht befürchten, aufgrund ihrer Hautfarbe keinen Job oder keine Wohnung zu finden, Gewalt zu erfahren, beleidigt zu werden. (Und nein, wenn dich mal jemand „Kartoffel“ genannt hat, zählt das nicht, Stichwort „strukturelle Diskriminierung“.)

Wenn du dich „politisch korrekt“ verhältst, gibst du dir Mühe, ein Stück dieser Macht an andere Gruppen abzugeben (Menschen mit anderer Hautfarbe, nicht-heterosexuelle Menschen, nicht-christliche Menschen, Menschen mit Behinderung etc.). Oder zumindest bewahrst du deine Macht nicht, indem du sie auf dem Rücken von weniger privilegierten Gruppen austrägst.

Falls es dir schwerfällt, „politisch korrekt“ zu sein, frage dich doch einfach mal: Warum ist das so? Warum genau ist es dir wichtig, an bestimmten Begriffen festzuhalten? Und was könnte dich motivieren, es zu ändern? Überprüfe deine eigenen Werte und Moralvorstellungen und dann fälle die Entscheidung, die dir richtig erscheint.

Reflektiere dich und dein Verhalten. (Photo by Paola Chaaya on Unsplash)

Politisch korrekte Sprache – und dann?

Es ist einfach, political correctness (nur) auf die Sprache anzuwenden, weil sie hier besonders häufig diskutiert wird.

Um unsere Sprache anzupassen, müssen wir über die verschiedenen diskriminierenden Strukturen nachdenken, die es in unserer Gesellschaft gibt und die wir alle verinnerlicht haben (insbesondere weiße, hetero, cis Menschen). Das macht dich nicht zu einem bösen Menschen – ganz viel passiert automatisch und ist unserer Gesellschaft einfach akzeptiert, wird immer weitergetragen.

Aber es wichtig, sich dessen bewusst zu werden und kritisch zu hinterfragen. Mit unserer Sprache und unserem Verhalten auf andere Rücksicht nehmen und uns bemühen? Das macht uns zu besseren Menschen. Im Endeffekt geht es bei „politischer Korrektheit“ nur darum: Rücksicht auf andere Menschen zu nehmen.

Ich persönlich informiere mich sehr viel über Themen wie strukturelle Diskriminierung, Rassismus, Sexismus. Ich glaube, dass ich ein einigermaßen gutes Gespür für „politisch korrekte“ Sprache habe, aber natürlich können auch mir Fehler unterlaufen. Jedem können Fehler unterlaufen.

Wer aus Unwissenheit einen rassistischen oder sexistischen Ausdruck benutzt ist noch kein Rassist oder Sexist. Aber: Wenn du auf Fehler hingewiesen wirst, dann nimm dir die Kritik zu Herzen. Denk darüber nach, ob du das, was du gesagt oder getan hast, wirklich so hättest sagen oder tun sollen bzw. ob es eine Alternative gibt, die niemanden diskriminiert oder verletzt. Denn am Ende kann derjenige, der rassistische Begriffe hört, nicht unterscheiden, ob du es „gut gemeint“ hast oder ob du wirklich rassistisch bist.

Also: Müssen wir wirklich immer politisch korrekt sein?

Meine Meinung ist: Wir sollten uns bemühen, stets „politisch korrekt“ zu sein, aber wir sollten es vielleicht nicht so nennen, denn die Herkunft des Begriffs ist problematisch. Vielmehr sollten wir darauf achten, mit unserer Sprache und unserem Verhalten niemanden zu diskriminieren und an uns zu arbeiten, wenn wir auf Fehler hingewiesen werden. Das wäre schon ziemlich korrekt.


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